Zimmer 131 Nadine Wölk

[cml_media_alt id='5040']nadine[/cml_media_alt]Magie der Nacht

„Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht“, erzählt Rainer Maria Rilke und weiter: „Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.“

 

 

 

 

Nadine Wölk hält sich nicht an Rilke. Dafür verliert sie sich zu oft in der Nacht. Wenn sie wenigstens nur ihren Nachbarn suchen würde, wenigstens nur ihn. Nadine Wölk aber ist ein echtes Nachtkind. Sie sucht die wichtigste Eigenschaft der Nacht, die Dunkelheit. Denn die Dunkelheit ist mächtig, sie macht, dass Nachtruhe herrscht, dass es überall ganz leise wird, still. Sie zieht einen tiefschwarzen Schleier übers Land, sie macht, dass wir nicht mehr genau sehen können, wenn Schwarz und Weiß sich miteinander vermischen. Wenn wir dennoch Farben wahrnehmen, dann nur, wenn die hellsten Sterne leuchten. Und doch ist es nie wirklich dunkel.

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Selbst bei klarem, mondlosem Nachthimmel ganz und gar ohne Fremdbeleuchtung: Der Himmel ist nicht vollständig schwarz. Lichter schwirren in der Luft, Glanzspuren, Reflexe, Fixpunkte, genauer gesagt, das Funkeln und Leuchten der Moleküle aus der Atmosphäre, die tagsüber von der Sonne ionisiert wurden. All diese Lichter aber sorgen für eine Magie, für einen Zauber, den Nadine Wölk unbedingt auf der Leinwand festhalten will. Egal, wie viel Platz ihr der Rahmen dafür bietet, ob zwanzig mal vierzig Zentimeter oder zwei mal zwei Meter, Hauptsache festhalten. Ihre Farben der Nacht komponiert sie stets aus dem Schwarz, aus der Dunkelheit heraus.

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Die Farben pellen sich geradezu aus dem Schwarz. Und so kommt es, dass Augen überdeutlich flackern oder den Betrachter mitunter mit hässlich verzerrtem Gesicht furchtlos, schamlos fixieren: Uns gehört die Welt, wir sind jung, wer bietet mehr? Platz da, hier bin ich! Und manchmal ist in den Augen auch ein Glitzern, eine Art Kichern, einfach nur so, unbändig, ohne Sinn und Verstand, weil heute Vollmond ist, die Sterne so hell leuchten, weil das Leben schön ist, weil die Miete für diesen Monat bezahlt werden kann und es dennoch für ein Bier extra reicht, vielleicht auch für zwei. Andere Augen wiederum verweigern sich dem direkten Blick, schauen sonstwohin, nur nicht zu uns. Es scheint, als verstecken sich die Abgebildeten – vor uns, vor sich selbst, als müssten sie sich schützen, unbedingt, als könnten wir in ihrer Mimik, ihrer Gestik Dinge ablesen, die ihnen nicht lieb sind. So sehr sie sich aber schützen, sich beiseite drehen, ihre Augen von uns abwenden, wir verstehen sie trotzdem, wir lesen diese Gesichter, diese Körper wie eine Landschaft, eine Seelenlandschaft.

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Um all diese Menschen herum aber ist immer Licht, Licht, das flüchtigste Element, das an den Leerstellen austritt, das be- und erleuchtet und das dem im Dunkel Verborgenen Form und Gestalt verleiht. In gleißendem Weiß, Rot, Blau oder Grün „brennt“ Nadine Wölk die Lichtspuren auf die Leinwände. Diese Farbtupfer – das ist offensichtlich – sie sind ihre Glücksmomente, mit ihnen schafft sie einen ganz eigenen Zauber, den Nadine Wölk-Zauber, den, der ihre Bilder besonders macht, unverkennbar. Statische Momente werden potenziert, eine Leuchtreklame, ein Verkehrsschild, eine Prosecco-Flasche, eine rote Pudelmütze, ein Hotdog. Sie überstrahlen die eigenen Strukturen und bleiben doch ganz klar, fast überdeutlich, während Flüchtiges, ein Autoheck mit Fuck you, ein bewegter Lichtschein, nur einen schwachen Eindruck, mehr einen Schatten auf der Netzhaut des Bildes hinterlässt. Nadine Wölk moduliert und dirigiert mit schnellen Acrylstrichen einen harten Rhythmus auf ihre Bilder: flirrendes Leben in der Tiefe des Bildraumes ebenso wie Schlaglichter in vorderster Reihe. Das hier sind alles Augenblicke, Schnappschüsse einer Nacht.

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Diese Momentaufnahmen findet Nadine Wölk beim Feiern und Grölen am Lagerfeuer, an den Bushaltestellen oder an der Autobahn. Ununterbrochen fotografiert sie. Keiner der Freunde ist vor ihr sicher, egal, ob er Kette raucht, besoffen lallt, hysterisch kichert oder hilflos durch die Gegend zieht, Nachtgänger, die im Licht stehen, detailgetreu wie ausgeschnitten, gesteigert durch den starken Hell-Dunkel-Kontrast. Und dann stehen dort noch jene im Dunkeln, die wir nicht sehen können, nur ahnen. Das sind jene, die, wenn die Turmuhr schlägt, zurück in ihre Löcher kriechen, die Nadine Wölk mit dicken Farbschichten übertüncht hat, beseitigt, für immer und ewig unter Quasten getilgt. Denn der Tag soll nicht bei der Nacht schlafen, er ist hier fremd, er gehört hier nicht hin. Das ist die Stunde der Nachtgestalten, der Paradiesvögel, der Kinder der Nacht.

Ob die Porträtierten sich immer in den Bildern und Zeichnungen von Nadine Wölk wiederfinden? Will man sich wirklich so sehen, mit schiefem Blick, mit grölendem Mund, mit fahrigen Händen? Vielleicht ist ihre Sprache die ihrer Generation? Sie ist es unbedingt. Nadine Wölk, Jahrgang 1979, malt kaum Ältere, immer wieder aber Gleichgesinnte. Ihre Porträts machen glauben, als wäre, was erzählt wird, längst Gegenwart und somit vergangen. Was fast wie eine Hoffnung wirkte, wenn das nicht die Zeit wäre, die aus den Fugen gerät. Vielleicht kann man auch mit Schnappschüssen die Zeit nicht festhalten. Vielleicht zählt nur die Idee, nicht das wirkliche Leben.

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Die vielen Abzüge aber füllen den Tisch im Atelier, in der Wohnung. Eines Nachts nimmt der Nachtmensch Nadine Wölk all die Abzüge in die Hand und schaut sie sich an, immer wieder. Bis es klick macht, bis sie nicht mehr sieht als auf dem Foto zu sehen ist, bis sie die Wirklichkeit ausgeklammert hat, bis sie nur noch den Geruch spürt, das Lachen hört, das Schreien. Dann erst fängt sie an, dann erst bearbeitet sie die Leinwand, das Papier. Bei allem Realismus, sagt sie, man muss auch erkennen, dass es ein Bild ist, das es lebt, dass die Farbe noch läuft. Zum Schluss zähle ohnehin nicht mehr das Foto, sondern nur noch die Erinnerung an den einen Augenblick, an die Situation, die sie festgehalten hat: Ich bin schließlich keine Fotografin. Ich liefere keine Fotos, keine Dokumentationen.

Die späten Stunden im Atelier sind für die HfBK-Absolventin und Meisterschülerin von Martin Honert ganz besondere Augenblicke. In diesen Stunden besinnt sie sich, ist sie kreativ, sieht sie um sich herum all die Freiräume. Jetzt in der Nacht – zurückgezogen in ihrem kleinen Atelier – kann sie die Geschehnisse des Tages reflektieren, schöpft sie Kraft und Inspiration und Klarheit. Und so ist in der Tat alles auf den Arbeiten von Nadine Wölk ganz klar und gleichzeitig auf das Wichtigste reduziert, es fehlt nichts, nicht mal ein Hauch, es ist alles gesagt. Immer aber – selbst wenn wir nur eine einzelne Person sehen, ein kleines Detail – füllt Nadine Wölk ihre nächtlichen Szenen mit reichen Assoziationen, tiefen Emotionen und poetischen Stimmungen aus.

Dass wir uns dennoch nicht missverstehen: Hier ist nicht die Idylle zu Hause, das Friede-Freude-Eierkuchen. Viele Blicke haben etwas Einschüchterndes, etwas Aggressives, etwas Unruhiges an sich. Manche ihrer Arbeiten allerdings sind auf eine eigenwillige Weise laut, fröhlich, makaber. Die Thüringer Bratwurst auf dem Rost wird zu einer Ikone stilisiert, auch wenn sie manch einen eher abstößt. Das pommesfressende dicke Eichhörnchen ruft eher Abscheu hervor als Begeisterungsrufe: „Oh wie niedlich.“ Und auch der weiße Hund wird eher fortgejagt als mit Mitleid überzuckert. So süß ist er nun auch nicht.
[cml_media_alt id='5041']nadine_woelk[/cml_media_alt]„Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht“, erzählt Rainer Maria Rilke. „Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so musst du bedenken: wem.“

Ich bin sicher, Nadine Wölk weiß sehr genau, wem sie ins Angesicht geschaut hat. Nämlich ihren Freunden und sich selbst. „Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.“ Wohl aber für eine mutige junge Frau. Für eine, die sowohl die Stille aushält als auch die Unruhe, für eine, die sagt: „Ich will nicht für reiche Villenbesitzer malen. Ich male für meine Generation. Für wen denn sonst?“

Was Nadine Wölk auszeichnet, ist nicht nur ihr eiserner Fleiß, auch die innere Anteilnahme. Sie ist keine Voyeurin, dennoch beobachtet sie ihre Freunde, ihre Familie sehr genau, vielleicht auch genauer, als ihnen allen lieb ist. So ist das Leben. Wenn Menschenkinder wie Nadine Wölk laut sind, dann sind sie eben laut. Dann gehen sie in der Nacht wenigstens nicht unter.

(Text von Adina Rieckmann)